Hildegard von Bingen

Völlerei

Mal ein wenig deftiger heute 🙂

Der Bauch dieser Schlange war aber offen, und darin erschien die Gestalt eines Menschen, die wie in einer Wiege auf dem Rücken lag. Auf ihrem Kopf hatte sie eine Filzmütze wie einen ein wenig nach oben gerichteten Helm, und ihre Haare waren weiß und hingen unter der Filzmütze auf ihre Schultern herab. Sie trug ein Kleid aus feiner, weißer Seide und war auch mit einem Mantel umhüllt, dessen Farbe der Farbe der Schlange ähnlich war. Und diese Gestalt sprach:

1. Die Worte der Völlerei

„Gott hat alles erschaffen. Warum sollte ich verschmachten? Wenn Gott nicht wüsste, dass dies alles notwendig ist, hätte er es nicht erschaffen. So wäre ich töricht, wenn ich meinen eigenen Willen in all dem nicht walten lassen würde,  da ja Gott will, dass der Körper des Menschen an Kräften nicht verliert“

2. Die Antwort der Enthaltsamkeit <abstinentia>

Und wiederum hörte ich aus der erwähnten stürmischen Wolke, die sich von Süden nach Westen ausbreitete, eine Stimme, die mit folgenden Worten antwortete:

„Niemand zupft die Harfe so, dass ihre Saiten zerreißen. Wenn ihre Saiten kaputt sind, wie könnte sie klingen? Auf keine Weise! Du, Schlund, du stopfst deinen Bauch so voll, dass all deine Adern krank sind und in Raserei geraten. Und wo ist dann der süße Klang der Weisheit, die Gott dem Menschen gegeben hat? Du bist ja stumm und blind, und weißt nicht, was du so daherredest. Wie aber der herabstürzende Regen die Erde umwühlt, so lässt das Übermaß an Fleisch und Wein den Menschen in Hohn und Gotteslästerung stürzen. Ich dagegen sah im Lehm die schöne Gestalt, die Gott als den Menschen erschaffen hat. Daher bin ich ein angemessener Regen, damit das Fleisch nicht in Lastern wuchert. Und ich fördere in den Menschen die Mäßigung zutage, damit ihr Fleisch keinen Mangel leidet und durch maßloses Verschlingen von nahrhafter  Speise nicht mehr zunimmt, als es nötig ist. Denn ich bin eine Harfe, da ich in schönen Klängen des Lobes erschalle und so die Härte des Herzens mit dem guten Willen durchbohre. Wenn nämlich der Mensch seinen Körper mit Maß ernährt, dann erklinge ich in seinen Gebeten auf der Harfe bis zum Himmel: und wenn er seinen Körper in maßvollem Essen rein hält, singe ich zur Orgel, was du, Schlund, nicht kennst, nicht verstehst, und auch nicht zu erkennen und zu verstehen suchst. Denn bald wühlst du dich im Übermaß des Fastens so sehr auf, dass du kaum mehr leben kannst, bald überfüllst du deinen Bauch so in Gefräßigkeit, dass du vor Hitze brodelst und Schaum erbrichst. Ich aber halte im Essen Maß, damit die Säfte im Menschen weder ausgetrocknet werden, noch ihr Maß übersteigen, und dann singe ich Lobgesänge zur Harfe und zur Orgel. O all ihr Getreuen, entzieht euch der Schlemmerei! Denn der Bauch der alten Schlange hat die Schlemmerei verschlungen und dadurch viel Dreck erbrochen.“

aus Hidelgard von Bingen, Werke, Band VII, „Liber vitae meritorum“, Zweiter Teil, S. 112f

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